Bildung, Forschung und Innovation vor der Nagelprobe

Der Bericht zur Technologischen Leistungsfähigkeit 2003

Technologische Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft ist nach wie vor hoch

Auch im vergangenen Jahr hat Deutschland eine gesamtwirtschaftliche FuE-Intensität von 2,5 % halten können: FuE und Inlandsprodukt nahmen im Gleichschritt ein wenig zu. FuE wird eher unter mittelfristig-strategischen Gesichtspunkten betrieben und hat sich somit stabil gezeigt. Nach den Planungen für 2002 wollten die Unternehmen noch einmal rund 1,5 % mehr in FuE investieren.

Im Jahre 2003 dürfte dagegen die Verunsicherung der Unternehmen über die mittelfristigen Markt- und Wachstumserwartungen durchschlagen. Die anhaltend schwache binnenwirtschaftliche Dynamik ist die Achillesferse. Alles andere als ein Rückfahren der FuE-Budgets dürfte daher überraschen. Denn die Unternehmen haben derzeit nicht das Gefühl, zu wenig in FuE zu tun.

Zukunftsinvestitionen in Forschung - Kurs halten in Wirtschaft und Staat

Einerseits hat Deutschland mittelfristig keine andere Chance auf hohe Einkommen bei hohem Beschäftigungsstand, wenn nicht weiterhin intensiv in Bildung und Wissenschaft, Forschung und Technologie investiert wird. Andererseits ist es nicht leicht, in einer Situation, die mehr als nur eine konjunkturelle Durststrecke ist, hierfür die erforderlichen Mittel aufzubringen. Insofern steht Deutschland vor der Nagelprobe.

Der Staat hat in der Vergangenheit häufig prozyklisch auf eine angespannte Haushaltslage reagiert. Doch Zukunftsinvestitionen in Forschung - und dies gilt parallel auch für die Bildung - sind das letzte, was dem konjunkturellen Rotstift der Haushaltskonsolidierung zum Opfer fallen darf, wenn Deutschland seine zukünftige technologische Leistungsfähigkeit nicht aufs Spiel setzen möchte.

Schwache binnenwirtschaftliche Dynamik beeinträchtigt Technologiestandort Deutschland

Die seit Anfang der 90er Jahre schwache binnenwirtschaftliche Dynamik geht nicht spurlos am Technologiestandort Deutschland vorüber. Der Aufhol- und Expansionsprozess Deutschlands im Bereich der Spitzentechnologie gegen Mitte und Ende der 90er Jahre ist in den vergangenen zwei Jahren erheblich ins Stocken geraten. Maßgeblich verursacht durch den Einbruch im IuK-Sektor haben die Unternehmen der Spitzentechnologie im Jahre 2002 10 % weniger produziert als noch im Jahr 2001.

Der Bereich der hochwertigen Technologie kann sich gegen den allgemeinen Trend recht gut behaupten. Treibende Kraft ist hier vor allem der Automobilbau, eine von Deutschlands traditionellen Stärken. Andere Branchen wie Chemie, Elektro und Maschinen haben hingegen Wachstums- oder Standortprobleme.

Innovationsneigung hat leicht nachgelassen

Unternehmensnahe Dienstleister - zu denen auch IuK-Dienstleister zählen - haben bereits 2001 ihre Innovationsausgaben deutlich eingeschränkt; sie sind überwiegend am Binnenmarkt orientiert und haben daher die schwache Dynamik am stärksten verspürt. Dies gilt auch für Klein- und Mittelindustrieunternehmen, die seit 1999 nicht mehr ganz so zahlreich unter den Innovatoren zu finden sind. Die Industrie insgesamt ist etwas anders als der Dienstleistungssektor zu beurteilen:

Aus dem Ausland sind kräftige Innovationsimpulse gekommen, die die fehlende binnenwirtschaftliche Dynamik etwas kompensiert haben. Insofern hat sich die Innovationsneigung dort etwas länger gehalten, im Jahre 2001 jedoch ebenfalls klar nach unten tendiert. Nach dem "Gründungsboom" bis Anfang 2000 ist auch die Gründungsneigung deutlich zurückgegangen.

Weltmarktrelevante Patentanmeldungen - Deutschland liegt mit an der Spitze

Die Weltmarktorientierung der Innovatoren spiegelt sich auch in der Expansion der weltmarktrelevanten Patentanmeldungen (den so genannten Triadepatenten) wider. Deutschland hat sich hier in der zweiten Hälfte der 90er Jahre unter den größeren Volkswirtschaften deutlich mit an die Spitze gesetzt. Deutschland hat auch seine Stellung als zweitwichtigster Nettotechnologieexporteur in den 90er Jahren verteidigen können. Seit 2001 hat sich Deutschland als Exporteur FuE-intensiver Waren sogar wieder leicht vor Japan geschoben; aber Japan - dies sollte bedacht werden - ist in wirtschaftlichen Nöten und deshalb vielleicht kein geeigneter Vergleichsmaßstab.

Der Außenhandelserfolg des deutschen Technologiesektors hat sich in den 90er Jahren zunehmend - rein rechnerisch sogar ausschließlich - auf den Automobilsektor gestützt. In den klassisch starken Bereichen der Chemie und des Maschinenbaus hat Deutschland dagegen Ende der 90er Jahre an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt, der Importdruck nahm stark zu. Gewinner im weltweiten Technologiehandel waren im vergangenen Jahrzehnt eindeutig die Produkte der Pharmazie und der Informations- und Kommunikationstechnologie; ihre Anteile am industriellen Welthandel haben sich nahezu verdoppelt. Deutschland hat sich hier dem internationalen Trend angeschlossen, ohne jedoch der Konkurrenz nennenswerte Marktanteile streitig machen zu können.

Im übrigen sind an den stark steigenden Technologieexporten neuerdings auch merklich Betriebe mit Sitz in den östlichen Bundesländern vertreten. Dies u. a. zeigt die zunehmende Marktorientierung der Innovatoren. Weniger gut haben sich jedoch die Produktivitätseffekte von Innovationen entwickelt. Die Produktivitätslücke ist nach wie vor sehr groß.

Steigerung der weltweiten Veröffentlichungen deutscher Wissenschaftler

Auf Seiten der Wissenschaft konnte Deutschland seinen Anteil an den weltweiten Veröffentlichungen im Laufe der 90er Jahre um eineinhalb Prozentpunkte auf derzeit rund 9 % steigern. Doch nicht nur in der Quantität, sondern auch in der Qualität konnten Fortschritte erzielt werden: Deutschlands Wissenschaftler publizieren überdurchschnittlich in Zeitschriften mit internationalem Leserkreis und können sich auch hinsichtlich der Beachtung ihrer Forschungsergebnisse sehen lassen.

Hohe Bedeutung der naturwissenschaftlich-technischen Qualifikationen

Für die technologische Leistungsfähigkeit sind besonders die naturwissenschaftlich-technischen Qualifikationen von Bedeutung. Doch hier zeichnen sich derzeit Engpässe ab - im sekundären wie im tertiären Bereich. In den technischen Ausbildungsberufen des dualen Systems sind die Ausbildungsverhältnisse bereits seit Ende der 70er Jahre stark rückläufig. Die vor ein paar Jahren erfolgreich neu eingeführten IT-Berufe haben nicht nur einzelne "alte" gewerblich-technische Berufe ersetzt, sondern auch zusätzlich neue Ausbildungskapazitäten geschaffen. Auch in der Hochschulausbildung ist der starke Anstieg in der Informatik zum Teil zu Lasten der klassischen Ingenieurwissenschaften gegangen. Erst allmählich erhöhen sich dort wieder die Studienanfängerzahlen. Doch auch dies wird mittelfristig den sich abzeichnenden anhaltenden Mangel an Absolventen in diesen Fächern nicht aufhalten können.

In den naturwissenschaftlich-technischen Studiengängen erreichen per Saldo ohnehin weniger als zwei Drittel der Studienanfänger tatsächlich auch den entsprechenden Abschluss. Und diese werden in den nächsten Jahren vornehmlich Ersatzbedarf decken müssen. Langfristig verstärkt der demographisch bedingte Rückgang bei neu in den Arbeitsmarkt tretenden Fachkräften die Knappheit. Die aktuelle Entspannung am Arbeitsmarkt für Ingenieure und Informatiker sollte daher nicht missverstanden werden; Entwarnung beim Werben um junge Menschen für naturwissenschaftlich-technische Ausbildungen darf es nicht geben.

Publikationen

  • Technologie und Qualifikation für neue Märkte

    Titelbild der Publikation

    Ergänzender Bericht zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands 2003-2004

    2004, 194 Seiten

    Download [PDF - 1,99 MB] (URL: http://www.bmbf.de/pub/technologie_und_qualifikation_fuer_neue_maerkte.pdf)

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